Sie sind hier:
Wissen, Anstrengung, Denken – was die Kultur mit Bildung zu tun hat

Wissen, Anstrengung, Denken – was die Kultur mit Bildung zu tun hat

Einige Anmerkungen zum Ergebnis der jüngsten PISA-Studie von Andrea Konorza.

Deutschland hat ein Bildungsproblem.

Die gerade veröffentlichten Ergebnisse der neuen PISA-Studie machen das erneut deutlich. Die Leistungen der deutschen 15-Jährigen sind in Mathematik und Lesen gegenüber 2022 weiter gesunken; in Mathematik, Lesen und Naturwissenschaften liegen sie inzwischen auf dem niedrigsten Niveau, das PISA für Deutschland jemals gemessen hat. 

Natürlich gibt es dafür viele mögliche Erklärungen. Die Corona-Jahre haben Spuren hinterlassen. Smartphones, Computerspiele und soziale Medien konkurrieren mit Büchern, Hausaufgaben und Konzentration. Und Deutschland hat heute eine Schülerschaft, die kulturell deutlich vielfältiger ist als noch vor einigen Jahrzehnten.

Aber vielleicht lohnt sich eine grundsätzlichere Frage:

Was braucht ein Kind eigentlich, um klug denken zu lernen?

Die Antwort klingt zunächst banal. Sie besteht aus drei Schritten:

Grundlegendes Wissen. Die Bereitschaft zur Anstrengung. Und eigenständiges Denken.

Womöglich hat die Bildungsdebatte etwas Wichtiges über diese Reihenfolge vergessen.

Ohne Wissen gibt es wenig zu denken

Eigenständiges Denken ist das große Ziel moderner Bildung. Kinder sollen nicht einfach auswendig gelernte Antworten wiedergeben, sondern Zusammenhänge verstehen, Probleme lösen, Argumente beurteilen und eigene Schlussfolgerungen ziehen.

Alles richtig.

Nur braucht Denken zunächst genug grundlegendes Material.

Wer nichts über Geschichte weiß, kann historische Behauptungen schwer beurteilen. Wer über keine mathematischen Grundlagen verfügt, kann komplexe mathematische Probleme nicht lösen. Wer kaum liest, hat Schwierigkeiten, einen anspruchsvollen Text zu verstehen – und noch größere Schwierigkeiten, ihn kritisch zu beurteilen.

Wissen ist nicht der Gegensatz zum Denken. Wissen ist erst der Rohstoff fürs Denken.

Deshalb musste Schule immer zunächst eines leisten: Kindern einen Bestand an Wissen vermitteln. Und dafür braucht es eine zweite Eigenschaft.

Lernen ist Arbeit

Nicht alles, was man lernen muss, ist interessant.

Ein Kind muss Vokabeln lernen, auch wenn es lieber Videoclips anschauen würde. Es muss einen Text lesen, obwohl etwas anderes gerade spannender wäre. Es muss Bruchrechnung üben, obwohl es den Sinn zunächst nicht erkennt. 

Das klingt selbstverständlich. Ist es aber nicht.

Denn Kinder müssen zunächst lernen, sich anzustrengen, bevor sich der Sinn einer Sache erschließt.

Gerade hier hatte die alte Schule eine Stärke. Sie war autoritär, verlangte Disziplin, ließ auswendig lernen und machte ziemlich unmissverständlich klar: Du bist nicht nur dann ein Schüler, wenn dir gerade danach ist.

Die Schüler damals mussten lernen. Punkt.

Dass diese Schule nicht alles richtig machte, steht auf einem anderen Blatt. Eigenständigkeit, Kreativität und Widerspruch hatten gegenüber der Autorität des Lehrers einen deutlich geringeren Stellenwert.

Aber eines konnte sie ziemlich gut:

Wissen aufbauen und Lerngewohnheiten einüben.

Als Folge der 68er mit der damals vorherrschenden autoritären Bildung wurde danach das deutsche Bildungsideal in vielen Bereichen verändert: Mehr Selbstständigkeit, mehr Kompetenzorientierung, mehr individuelles Lernen, mehr Projektarbeit.

Das Kind sollte nicht mehr nur Wissen aufnehmen, sondern selbst herausfinden, wie es zu einer Lösung kommt.

Das ist ein hehres Ideal.

Nur gibt es dabei ein kleines Problem:

Man kann Wissbegier und Selbstständigkeit nicht einfach verordnen.

Ein Kind, das gelernt hat, dass Lernen vor allem dann stattfinden soll, wenn es sich dafür interessiert, kann zu einer ziemlich einfachen Antwort kommen:

„Interessiert mich nicht.“

Und dann ist die Sache erledigt.

Interesse ist nämlich nicht immer der Anfang des Lernens.

Denn: Manchmal ist Interesse erst das Ergebnis des Lernens.

Wer sich lange genug mit einem Gebiet beschäftigt, beginnt Zusammenhänge zu erkennen. Aus dem zunächst langweiligen Stoff wird plötzlich etwas Interessantes.

Dafür muss man aber erst einmal angefangen haben.

Die zweite Frage: Was soll das Kind mit seinem Wissen machen?

Damit kommen wir zur eigentlich spannenden Ebene.

Ein Kind kann viel wissen und trotzdem wenig eigenständig denken. Es kann gelernt haben, eine Antwort korrekt wiederzugeben, ohne jemals zu fragen, ob diese Antwort überzeugend ist.

Hier kommt die Kultur bzw. die Lernkultur ins Spiel.

Denn Kinder lernen nicht nur Mathematik, Geschichte und Deutsch. Sie lernen auch etwas viel Grundsätzlicheres:

Wie man mit Wissen umgeht.

Sie lernen, was eine Autorität ist.

Sie lernen, ob man einem Lehrer widersprechen darf.

Sie lernen, ob eine gute Frage willkommen ist oder nervt.

Sie lernen, ob eine überlieferte Antwort als Ausgangspunkt einer Diskussion dient – oder als deren Ende.

Diese Vorstellungen entstehen nicht erst in der Schule. Sie haben sich über Jahrhunderte entwickelt und werden über Familien und ihr Umfeld weitergegeben. Und diese kulturellen Prägungen waren historisch betrachtet auch häufig durch die herrschende Religionszugehörigkeit geprägt.

Katholisches Europa: Wissen hatte eine Ordnung

Das katholische Europa mit seinen Klöstern, Domschulen und später Universitäten verfügte jahrhundertelang über die wichtigsten Bildungsinstitutionen.

In der Scholastik entstand sogar eine hochentwickelte Kultur des Argumentierens. Gelehrte wie Thomas von Aquin stellten Einwände gegen die eigene Position ausdrücklich dar und versuchten, sie anschließend zu widerlegen.

Aber natürlich war diese Gelehrtenwelt nicht die Lebenswelt des einfachen Bauern oder Handwerkers. Bildung war damals sehr stark hierarchisch angelegt. Wissen wurde von einer gebildeten Elite bewahrt, gedeutet und vermittelt. Die Liturgie der römischen Kirche war auf Latein, einer Sprache, die die große Mehrheit der Bevölkerung nicht beherrschte.

Die kulturelle Grundordnung war damit klar:

Es gibt Wissen – und es gibt Menschen, die dafür zuständig sind, es zu bewahren und zu erklären.

Das änderte sich mit der Reformation.

Protestantismus: Übernimm’ es selbst

Die Reformation brachte einen neuen Impuls in die europäische Bildungskultur:

Der Einzelne soll selbst lesen und denken können.

Wenn der Gläubige seinen Glauben unmittelbar aus der Bibel verstehen sollte, musste er Zugang zum Text haben. Luthers Bibelübersetzung machte die Heilige Schrift einem breiteren Publikum in deutscher Sprache zugänglich.

Damit verschob sich etwas Entscheidendes.

Der Gläubige musste nicht mehr ausschließlich darauf vertrauen, was ihm über den Text gesagt wurde. Er konnte selbst nachlesen, er konnte vergleichen und er konnte sich ein eigenes Urteil bilden.

Die kulturelle Botschaft lautete damit:

Nicht nur zuhören, sondern selbst lesen und darüber nachdenken.

Das war ein wichtiger Schritt auf dem Weg zu einer breiteren Lesekultur und damit auch zu einer Kultur, in der Wissen nicht ausschließlich bei einer geistlichen Elite lag.

Doch es gibt noch eine Tradition, in der die Auseinandersetzung mit dem Text eine ganz besondere Rolle spielt.

Judentum: Frag nach

Die jüdische Lerntradition hat aus der Diskussion geradezu eine Methode gemacht.

Rabbinische Texte bewahren unterschiedliche Meinungen, Einwände und Gegenargumente. Traditionell beschäftigen sich zwei Menschen gemeinsam mit einem Thema und lernen gemeinsam, indem sie den Text erklären, Fragen dazu stellen, Widersprüche und Argumente entwickeln.

Eine gute Frage ist hier kein Zeichen dafür, dass jemand nicht aufgepasst hat.

Die Frage ist Teil des Denkens und Lernens.

Der Schüler soll nicht nur wissen, was im Text steht. Er soll verstehen, warum eine bestimmte Auslegung vertreten wird, welche Argumente dafür sprechen und was dagegen spricht.

Damit entsteht eine besondere geistige Gewohnheit:

Die Autorität beispielsweise eines Textes kann ernst genommen werden, ohne dass das eigene Denken an der Autorität endet.

Genau diese Frage wird in einer modernen Einwanderungsgesellschaft wichtig.

Islam: Was passiert mit einer Antwort, die nicht hinterfragt werden darf?

Die islamische Welt besitzt eine große wissenschaftliche Vergangenheit. Zwischen dem 8. und 13. Jahrhundert entstanden bedeutende Arbeiten in Mathematik, Astronomie, Medizin und Philosophie. Eine herausragende Rolle spielten dabei persische Gelehrte, die in der damaligen vom Islam beherrschten Welt wirkten und die dabei auf das Wissen älterer Kulturen zurückgriffen. Griechische Philosophie und Wissenschaft, syrische Überlieferungen und indische Mathematik wurden aufgenommen, übersetzt, kommentiert und weiterentwickelt.

Gerade das macht diese Epoche so interessant: Es wurde nicht einfach altes Wissen bewahrt. Man setzte sich damit auseinander, übersetzte es, kritisierte es und entwickelte es weiter.

Doch diese Blütezeit war keine dauerhafte Entwicklung in Richtung Lerngesellschaft.

Über die folgenden Jahrhunderte veränderte sich das Verhältnis. Theologische Fragen gewannen gegenüber manchen philosophischen Ansätzen an Gewicht, und in Teilen der islamischen Welt wurde der Spielraum für bestimmte Formen des freien Denkens enger.

Damit sind wir bei einer Frage, die bis heute relevant ist.

Denn Religion wird nicht nur in Moscheen gelehrt. Sie wird in Familien weitergegeben, in Koranschulen vermittelt und prägt Vorstellungen davon, was ein Kind wissen, glauben und tun soll.

Und damit stellt sich eine sehr konkrete Frage:

Was passiert mit einem Kind, wenn es eine Antwort bekommt, zu der es Fragen hat?

Es kann natürlich fragen:

„Was bedeutet diese Stelle im Koran?“

Es kann auch fragen:

„Wie haben Gelehrte diese Stelle ausgelegt?“

Aber – und das ist ganz wichtig dafür, eigenständiges Denken zu erlernen! – darf ein Kind noch einen Schritt weitergehen und die Frage stellen?

„Warum muss ich das überhaupt glauben?“

Oder:

„Was ist, wenn diese Aussage nicht stimmt?“

Genau hier liegt der entscheidende Punkt für die Lernkultur. Wo solche Fragen als legitimer Teil des Denkens gelten, lernt ein Kind, zwischen einer Behauptung und ihrer Begründung zu unterscheiden.

Wo bestimmte Antworten dagegen als religiös festgelegt gelten und wo das Fragen oder Zweifeln zum Problem wird, entsteht eine andere geistige Gewohnheit.

In der islamischen Welt gibt es heute unterschiedliche Strömungen und entsprechend unterschiedliche Lernkulturen. Gerade in strengeren religiösen Milieus wird eine enge Orientierung an Koran und Sunna betont. Dort steht dann weniger die Frage im Mittelpunkt, ob eine überlieferte Antwort überhaupt richtig ist, sondern nur wie man sie richtig versteht und befolgt.

Für ein Kind macht das einen Unterschied. Und für die Bildung eines Kindes ist deshalb nicht entscheidend, wie viel ein Kind auswendig gelernt hat. Entscheidend ist: 

Was darf es mit dem Gelernten anfangen?

Darf es fragen?

Darf es widersprechen?

Darf es eine andere Interpretation für überzeugender halten?

Oder gibt es Antworten, bei denen die Diskussion aufhört?

Das ist keine Frage des Wissens. Es ist eine Frage des eigenständigen Denkens.

Ostasien: Lernen, weil Lernen zählt

Einen ganz anderen Vergleich liefert Ostasien.

In konfuzianisch geprägten Gesellschaften besitzt Bildung traditionell einen außergewöhnlich hohen Stellenwert. Fleiß, Übung, Selbstdisziplin und Respekt vor Lehrern gelten als wichtige Tugenden. Prüfungen waren über Jahrhunderte ein Weg zu sozialem Aufstieg.

Die Botschaft an das Kind lautet deshalb weniger:

„Was interessiert dich?“

sondern eher:

„Streng dich an. Bildung ist wichtig.“

Das hat eine bemerkenswerte Konsequenz.

Ein Kind muss nicht darauf warten, dass eine Aufgabe interessant wird. Es lernt, dass man sich auch durch etwas hindurcharbeiten kann, das zunächst langweilig oder schwierig ist.

Genau diese Fähigkeit ist für jede anspruchsvolle Bildung entscheidend. Denn irgendwann wird Lernen immer schwierig. Dann hilft weder eine spannende Unterrichtsmethode noch die Aufforderung, sich doch etwas zu suchen, das einen interessiert.

Dann muss man dranbleiben.

Drei Dinge, die zusammengehören

Damit sind wir wieder bei unserer Ausgangsfrage: Hängt Bildungserfolg auch mit einer bestimmten Lernkultur zusammen?

Eine lernförderliche Kultur muss Kindern mehr vermitteln als einen Haufen Fakten. Sie muss drei Dinge zusammenbringen:

  • Wissen: Kinder müssen lernen, dass Wissen etwas Wertvolles ist und dass es wertvoll ist, sich einen breiten Wissensbestand anzueignen.
  • Anstrengung: Sie müssen erfahren, dass Lernen Arbeit bedeutet – und dass man auch dann weitermacht, wenn etwas schwierig oder langweilig ist.
  • Eigenständiges Denken: Sie müssen lernen, das erworbene Wissen selbstständig zu nutzen, Fragen zu stellen, Argumente abzuwägen und auch vermeintlich selbstverständliche Wahrheiten zu hinterfragen.

Die drei Punkte bauen aufeinander auf.

Ohne Wissen fehlt das Material zum Denken. Ohne Anstrengung entsteht Wissen nur in begrenztem Umfang. Und ohne die Freiheit zum eigenen Denken bleibt Wissen häufig nur bei der bloßen Übernahme von Antworten stehen.

Genau hier werden die Unterschiede zwischen kulturellen Traditionen interessant. Sie setzen unterschiedliche Schwerpunkte: auf Autorität und Wissensvermittlung, auf den persönlichen Zugang zu Wissen, auf Diskussion und Widerspruch oder auf Disziplin, Übung und Leistung.

Keine dieser Eigenschaften entsteht von allein. Kinder lernen sie dort, wo sie ihnen über Jahre vorgelebt und abverlangt werden – in der Familie, in der Schule und in der Gemeinschaft.

Und was machen wir heute daraus?

Gerade hier liegt ein interessantes Problem der modernen Bildung.

Nach Jahrhunderten, in denen Wissen vor allem von der Autorität des Lehrers vermittelt wurde, hat sich das pädagogische Ideal grundlegend verändert. Kinder sollen heute selbstständiger lernen, eigene Interessen entwickeln und möglichst selbst herausfinden, wie sie zu Lösungen kommen.

Das ist ein großer Fortschritt – sofern die Voraussetzungen stimmen.

Denn Selbstständigkeit entsteht nicht dadurch, dass man Kindern möglichst früh die Verantwortung für ihr Lernen überträgt. Sie entsteht, wenn Kinder gelernt haben, sich Wissen anzueignen, Schwierigkeiten auszuhalten und mit dem Erlernten selbstständig umzugehen.

Vermutlich liegt deshalb eine der entscheidenden Aufgaben heutiger Bildung darin, zwei Dinge wieder zusammenzubringen, die lange gegeneinander ausgespielt wurden:

die Freiheit des Denkens verbunden mit der Disziplin des Lernens.

Das eine ohne das andere führt in eine Sackgasse.

  • Wer nur lernt, was ihm vorgegeben wird, bleibt abhängig von vorgegebenen Antworten. 
  • Aber: Wer (wie in der „innovativen“ Pädagogik) nur das lernen soll, was ihn interessiert, wird sich vieles nie aneignen, was er eigentlich zum Denken braucht.

Vielleicht ist genau das die eigentliche Bildungsaufgabe unserer Zeit:

Kindern wieder die Bereitschaft zu vermitteln, sich anzustrengen und zu lernen – und ihnen dadurch das grundlegende Wissen mitzugeben, das sie brauchen, um Dinge selbst zu hinterfragen und wirklich eigenständig zu denken.

Facebook
Twitter
LinkedIn
Email
Sie möchten etwas tun? Wir freuen uns über jede Form der Unterstützung!