Ein Nachdenkbeitrag von Petra Winkler.
Man muss sich das einmal auf der Zunge zergehen lassen: In Berlin wird ein öffentliches Schwimmbecken wegen der Sommerhitze eingerichtet – und zu einer bestimmten Zeit sollte es ausschließlich schwarzen Menschen zur Verfügung stehen. Begründet wurde das mit dem Gedanken des „Safe Space“. Menschen, die ansonsten gemeinsam mit allen anderen schwimmen könnten, sollen also nach Hautfarbe getrennt werden, damit sich eine bestimmte Gruppe besonders geschützt fühlen kann.
Das ist bemerkenswert. Denn eine Gesellschaft, die sich dem Ideal der Gleichheit verschrieben hat, sorgt dafür, Menschen wieder nach ihrer Hautfarbe zu sortieren – nur diesmal mit einem positiven Etikett versehen. Wird ein bunt-gemischtes Paar oder ein weißer Opa mit seinem farbigen Enkel dabei auch rassistisch getrennt?
Natürlich ist es legitim, Räume zu schaffen, in denen sich Menschen mit bestimmten Erfahrungen austauschen können. Aber bei einer öffentlichen Infrastruktur – und vom Steuerzahler finanziert! – stellt sich eine grundsätzliche Frage: Warum soll Hautfarbe darüber entscheiden, wer wann Zugang erhält? Und warum gilt eine solche Trennung als fortschrittlich, wenn dieselbe Logik in umgekehrter Richtung als diskriminierend empfunden würde?
Diese Frage führt zu einem größeren Problem der gegenwärtigen Diversitäts- und Identitätspolitik.
Wenn aus einem Mensch ein Maskottchen oder ein Symbol wird
Der Tod des britischen Soziologen Jason Arday hat dieses Problem auf tragische Weise sichtbar gemacht. Dabei sollte es ausdrücklich nicht darum gehen, über einen verstorbenen Menschen herzuziehen oder ihn nachträglich zum Bösewicht zu machen. Im Gegenteil: Ein Mensch, der über seine Person in eine derartige öffentliche Rolle geraten ist, kann einem durchaus leidtun.
Interessant ist vielmehr die gesellschaftliche Mechanik, die hinter seinem Aufstieg sichtbar wird.
Arday wurde mit 37 Jahren als jüngster schwarzer Professor in der Geschichte der Universität Cambridge gefeiert – mit seiner Biografie (konnte erst spät sprechen und lesen) wurde er von seiner Hochschule und den Medien zu einem Vorzeige-Professor gemacht und fast wie ein Maskottchen präsentiert.
In den vergangenen Monaten und Wochen sind jedoch erhebliche Fragen zu seiner wissenschaftlichen Arbeit und zu Angaben in seiner Biografie aufgetaucht. Gegenstand der Kritik waren unter anderem Plagiatsvorwürfe sowie Widersprüche und Ungereimtheiten in seinem Lebenslauf. Anfangs wurde versucht, die Kritiker mundtot zu machen. Als es dann zu arg wurde, kündigte Cambridge nach viel Öffentlichkeit endlich eine Untersuchung an; Arday trat daraufhin von seiner Professur zurück. Sein Tod ist schlimm, aber die ganze Sache wirft eine wichtige Frage auf:
Wie konnte aus einem Menschen eine derart bedeutende Symbolfigur werden, dass seine Identität als „jüngster schwarzer Professor“ einen so markanten Teil der öffentlichen Erzählung über ihn ausmachte?
Denn genau hier beginnt das eigentliche Problem.
Ein Wissenschaftler sollte wegen seiner wissenschaftlichen Leistung Professor werden. Seine Hautfarbe darf für diese fachliche Beurteilung keine Ersatzqualifikation sein.
Wenn aber Hochschulen, Medien und Aktivisten in einem Menschen aufgrund seiner Hautfarbe zugleich einen Beweis für gesellschaftlichen Fortschritt erkennen, entsteht eine gefährliche Vermischung: Aus dem Wissenschaftler wird eine Symbolfigur. Und wenn die Symbolfigur erst einmal etabliert ist, wird jede Kritik an ihr politisch aufgeladen.
Dann geht es plötzlich nicht mehr nur um die Frage, ob eine Dissertation sauber gearbeitet wurde oder ob ein Professor seine Studenten gut betreut. Sondern plötzlich geht es um Rassismus und Repräsentation, um vermeintliche Diskriminierung und „Marginalisierung“ (auch so ein magisches Wort) sowie um die gesellschaftliche Bedeutung der Person.
Der Mensch verschwindet hinter dem Symbol.
Der Kaiser ohne Kleider
Das erinnert an das Märchen von des Kaisers neuen Kleidern.
Die Pointe des bekannten Märchens besteht nicht darin, dass der Kaiser besonders dumm wäre. Die Pointe besteht darin, dass alle anderen unbedingt daran glauben wollen und sollen, dass er prächtig gekleidet ist.
Genau diese Frage sollte man auch im Zusammenhang mit der gegenwärtigen Diversitätskultur stellen:
Was passiert, wenn eine Gesellschaft so dringend eine Erfolgsgeschichte braucht, dass sie aufhört, nüchtern zu prüfen, wie groß der Erfolg tatsächlich ist?
Dann kann aus einer durchschnittlichen Leistung ein „Meilenstein“ werden, aus einer normalen Karriere eine „inspirierende Geschichte“ und aus einem Wissenschaftler ein Symbol des gesellschaftlichen Fortschritts.
Und genauer betrachtet liegt darin sogar eine Form der Herabsetzung.
Denn was bedeutet es eigentlich, wenn ein schwarzer Wissenschaftler für eine Leistung besonders überschwänglich gefeiert wird, die bei einem weißen Wissenschaftler schlicht als normal oder vielleicht sogar als unzureichend gelten würde?
Es bedeutet doch eigentlich:
Wir trauen diesem Menschen weniger zu.
Das klingt zunächst paradox. Aber genau darin liegt der Gedanke des „racism of low expectations“.
Die manchmal zu niedrige Messlatte
Wer einem Menschen wirklich Gleichberechtigung entgegenbringen will, sollte ihm nicht weniger zutrauen, sondern genauso viel.
Ein schwarzer Wissenschaftler, der eine hervorragende Arbeit schreibt, verdient Anerkennung – nicht weil er schwarz ist, sondern weil die Arbeit hervorragend ist.
Aber:
Eine mittelmäßige Arbeit ist und bleibt mittelmäßig.
Ein wissenschaftlicher Fehler ist ein wissenschaftlicher Fehler.
Ein Plagiat ist ein Plagiat.
Und schlechte akademische Lehre ist schlechte akademische Lehre.
Eine schlechte Betreuung von Studenten wird nicht dadurch besser, dass der betreffende Professor einer Minderheit angehört oder eine spezielle Hautfarbe vorzuweisen hat.
Das klingt banal. Ist es aber offenbar nicht mehr überall.
Denn wenn Identität zum zentralen Kriterium gesellschaftlicher Anerkennung wird, entsteht ein merkwürdiger Anreiz: Nicht nur die Leistung zählt, sondern auch die Geschichte, die sich mit der Person erzählen lässt.
Je stärker eine Institution nach sichtbarer Diversität sucht, desto wertvoller kann die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe werden. Und wenn diese Zugehörigkeit ein Karrierekapital darstellt, ist es menschlich, wenn Menschen dieses Kapital auch nutzen.
Das ist kein Vorwurf an schwarze Menschen. Es ist eine Vorwurf an die Institutionen.
Warum schaffen wir überhaupt ein System, in dem Hautfarbe, Herkunft oder Opferbiografie einen solchen symbolischen Wert bekommen können?
Der Paternalismus hinter der Aufwertung
Das wirklich Interessante daran ist, dass eine solche Politik sich selbst als antirassistisch versteht.
Doch jemandem ständig zu signalisieren, dass schon seine Anwesenheit an einer bestimmten Position außergewöhnlich sei, kann ebenfalls paternalistisch sein.
„Schaut her, ein schwarzer Professor!“
Warum eigentlich sollte seine Hautfarbe die Nachricht sein?
Warum nicht:
„Schaut her, ein hervorragender Professor“?
Der zweite Satz wäre tatsächlich farbenblind. Und vielleicht ist genau das inzwischen das Ungewöhnliche.
Denn wer Menschen ständig in Gruppen einteilt, um Ungleichheit zu bekämpfen, läuft Gefahr, die Gruppenzugehörigkeit selbst wieder zum wichtigsten Merkmal des Menschen zu machen.
Beim Schwimmbad ist das explizit: Die Hautfarbe bestimmt, wer Zugang zu einem bestimmten Zeitpunkt erhält.
Beim Professor kann es subtiler sein: Die Hautfarbe wird Teil der öffentlichen Bedeutung seiner Berufung.
Das Prinzip ist jedoch ähnlich.
Die Identität rückt wieder ins Zentrum.
Gleichheit heißt nicht, Unterschiede zu verwalten
Dabei ist die Alternative keineswegs, Rassismus oder tatsächliche Benachteiligung zu ignorieren.
Natürlich sollte jeder Mensch gleiche Chancen haben. Natürlich sollten Schulen und später auch Universitäten darauf achten, dass niemand wegen seiner Herkunft diskriminiert wird. Natürlich sollten Menschen aus benachteiligten Verhältnissen gefördert werden, wenn sie Unterstützung benötigen.
Aber zwischen Chancengleichheit und einer identitätsbasierten Aufwertung besteht ein entscheidender Unterschied.
Chancengleichheit bedeutet:
Jeder bekommt die Möglichkeit, seine Fähigkeiten zu zeigen.
Identitätspolitische Auswahl bedeutet jedoch in zunehmendem Maße:
Wir müssen darauf achten, dass bestimmte Gruppen sichtbar vertreten sind.
Das zweite Ziel kann mit dem ersten kollidieren.
Denn was geschieht, wenn die gewünschte demografische Verteilung nicht der Verteilung der besten Kandidaten entspricht?
Dann muss man irgendwann entscheiden, ob man die Realität akzeptiert oder die Auswahlkriterien verändert.
Und genau hier beginnt die gefährliche Zone.
Die gleiche hohe Messlatte wäre die eigentliche Anerkennung
Vielleicht wäre die radikalste Form des Antirassismus deshalb eine viel einfachere:
Wir hören auf, Menschen nach ihrer Hautfarbe zu sortieren – und wir hören auf, sie nach ihrer Hautfarbe zu bemitleiden, zu beschützen oder zu feiern.
Wir können einem schwarzen Studenten zutrauen, einen schwierigen Studiengang zu schaffen.
Wir können einem schwarzen Wissenschaftler zutrauen, eine brillante Dissertation zu schreiben.
Und wir können ihm ebenso zutrauen, eine schlechte Dissertation geschrieben zu haben.
Wir müssen ihn nicht für einen mittelmäßigen Beitrag zum Helden erklären.
Das wäre keine Geringschätzung.
Das wäre Respekt.
Denn echte Gleichheit bedeutet nicht, die Messlatte für bestimmte Menschen tiefer zu hängen und anschließend zu applaudieren, wenn sie sie überspringen.
Echte Gleichheit bedeutet, die Messlatte für alle gleich hoch zu hängen.
Und vielleicht liegt genau darin die Ironie der gegenwärtigen Diversitätskultur: Sie möchte Menschen aus Kategorien befreien und macht die Kategorien gleichzeitig immer wichtiger.
Das Schwimmbad ist dafür das kleine, sichtbare Beispiel.
Der Fall Arday ist – unabhängig davon, wie die einzelnen Vorwürfe am Ende bewertet werden – das größere, tragische Beispiel für die Frage, was geschieht, wenn aus einem Menschen eine Symbolfigur wird.
Der Kaiser steht dann wirklich nackt da.
Die entscheidende Frage ist nur: Wer traut sich heute zu sagen, dass er keine Kleider trägt?
