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„Das System“: Ein Begriff, der scheinbar alles erklärt – und nichts erklärt

Ein Kommentar von Andreas Hofmeister

Es gibt Begriffe, die tragen bereits beim Aussprechen eine Aura von Tiefe mit sich, ganz unabhängig davon, ob ihnen ein Gedanke folgt oder nicht. Diese Begriffe wirken wie ein intellektueller Zauberspruch: Wer sie benutzt, gilt als reflektiert, sensibel und moralisch auf der richtigen Seite. Eine dieser Begrifflichkeiten lautet: „System“ bzw. „systemisch“ oder auch „strukturell“.

Vor allem in weiterführenden Bildungsstätten (schulischen Oberstufen bzw. Hochschulen) ist unter Lehrern* und damit auch unter Schülern/Studenten* diese inhaltsleere Worthülse von „das System“ bis zu „strukturell“ inzwischen allgegenwärtig. Fast jedes gesellschaftliche Problem – von Ungleichheit über Diskriminierung bis hin zu diffusen Gefühlen von Unbehagen – gilt als „strukturell“ oder „systemisch verursacht“. Diese Worthülsen fallen mit der Selbstverständlichkeit eines Naturgesetzes. Doch während deren Verwendung inflationär ist, bleibt ihre Bedeutung bemerkenswert unklar.

*Anmerkung: mit maskulinen Generika sind übrigens alle Geschlechter gemeint, sowohl Frauen als auch Männer als auch alles, was sich jenseits dieser binären Ordnung wiederfinden möchte!

Ein System ohne Struktur

In Disziplinen, die sich tatsächlich mit Systemen beschäftigen – etwa in der Informatik, der Ökonomie oder den Naturwissenschaften – ist ein System kein nebulöses Etwas. Es besteht aus klar benennbaren Komponenten. Diese Komponenten interagieren nach bestimmten Regeln. Es gibt Anreize, Rückkopplungseffekte, Nebenwirkungen, Stabilitätsgrenzen und typische Fehlermodi.

Wer dort behauptet, etwas sei „systemisch bedingt“, muss erklären können, wie genau diese Bedingung wirkt. Welche Elemente sind beteiligt? Welche Mechanismen greifen? Wie lässt sich der Effekt messen oder zumindest plausibel herleiten?

Im geistes- und sozialwissenschaftlichen Alltagsdiskurs hingegen erscheint das System oft als eine Art metaphysischer Nebel. Es hat keine klaren Grenzen, keine identifizierbaren Bestandteile und keine überprüfbaren Kausalpfade. Es wirkt überall, jederzeit und auf alles – was den Vorteil hat, dass man es weder lokalisieren noch widerlegen kann.

Vom Analysebegriff zum Totschlagargument

Ursprünglich sollte „systemisch“ ein Analysebegriff sein: ein Ausgangspunkt für genaues Hinsehen. In der Praxis fungiert er häufig als Endpunkt des Denkens. Die Behauptung ersetzt die Erklärung.

Statt zu zeigen, wie eine konkrete Regel, eine Institution oder ein Anreiz zu einem bestimmten Ergebnis führt, genügt der Verweis auf „strukturelle“ oder „systemische“ Ursachen. Die Vokabel signalisiert moralische Ernsthaftigkeit – und entbindet zugleich von der Pflicht zur Präzision.

So wird Sprache zur Kulisse. Begriffe wie „systemisch“, „strukturell“, „in Machtverhältnissen verankert“ oder „gesellschaftlich konstruiert“ stehen dort, wo eigentlich Argumente stehen müssten. Sie klingen nach Analyse, sind aber oft nichts weiter als wohlklingende Platzhalter.

Moralische Gewissheit statt analytischer Neugier

Besonders auffällig ist dabei eine Verschiebung der Gesprächsnormen. Wer nachfragt – etwa, welches System konkret gemeint ist oder wie genau ein bestimmter Effekt zustande kommt –, gilt nicht als neugierig, sondern als verdächtig. Präzisierungswünsche werden als Angriff gelesen, nicht als Teil eines gemeinsamen Erkenntnisprozesses.

Das Ergebnis ist eine bemerkenswerte Umwertung: Unschärfe wird zur Tugend, Klarheit zum Problem. Je diffuser das System bleibt, desto unangreifbarer ist die Aussage. Kritik lässt sich leicht als Unverständnis oder gar als moralisches Versagen umdeuten.

Die Pädagogik der richtigen Begriffe

Man lernt in diesem Umfeld weniger, wie man denkt, als wie man sprichtEntscheidend ist nicht, ob man ein Argument stringent aufbauen kann, sondern ob man die richtigen Begriffe flüssig verwendet. Wer das passende Vokabular beherrscht, gilt als reflektiert – unabhängig davon, ob er erklären könnte, was er damit eigentlich meint.

So entsteht eine Generation von sehr sprachgewandten Systemkritikern, die hervorragend darin ist, „das System“ für alles verantwortlich zu machen, ohne jemals beschreiben zu müssen, wie dieses System funktioniert. Die Erklärungstiefe bleibt dabei oft auf dem Niveau einer wohlformulierten Vermutung.

Ein paradoxes Ergebnis

Das Paradoxe an dieser Entwicklung ist offensichtlich: Ausgerechnet dort, wo ständig von „Systemen“ die Rede ist, fehlt häufig systemisches Denken. Komplexität wird beschworen, aber nicht durchdrungen. Kausalität wird behauptet, aber nicht gezeigt.

„Das System“ wird so zu einer pseudo-intellektuellen Allzweckwaffe: Es erklärt alles und nichts zugleich. Es verleiht moralische Sicherheit, ohne analytische Arbeit zu verlangen. Und es immunisiert Behauptungen gegen jede Form ernsthafter Prüfung.

Vielleicht ist das der eigentliche Bildungsauftrag, der hier vermittelt wird: nicht die Fähigkeit, komplexe Zusammenhänge zu verstehen, sondern die Fähigkeit, sie sprachlich zu umschiffen.

Denn wer gelernt hat, alles auf „das System“ zurückzuführen, muss es nie wirklich erklären. So wird es zu einer intellektuellen Konkurserklärung.

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