Wie aus der Kritik der Macht eine neue Macht über Sprache und Denken wurde – ein Essay von Petra Winkler
Falls Sie sich schon öfter gefragt haben, wie die woke Welt eigentlich zu ihren eigentümlichen Vorstellungen von Sprache, Geschlecht, Identität und Macht gekommen ist, sollten Sie einmal Michel Foucault und sein Werk ins Auge fassen.
Am 15. Oktober 2026 wäre der französische Philosoph hundert Jahre alt geworden. Foucault gehört zu den einflussreichsten Denkern des 20. Jahrhunderts. Seine Bücher über Wahnsinn, Gefängnisse, Sexualität, Wissen und Macht haben die Geistes- und Sozialwissenschaften nachhaltig geprägt.
Man muss Foucault zunächst einmal als das ernst nehmen, was er war: ein außerordentlich origineller Denker, der die Aufmerksamkeit auf eine Form von Macht lenkte, die weit über staatliche Verbote und unmittelbaren Zwang hinausgeht. Ihn interessierte, wie gesellschaftliche Normen entstehen, wie Menschen als „normal“ oder „abweichend“ klassifiziert werden und wie Wissen, Sprache und Institutionen an solchen Unterscheidungen beteiligt sind.
Gerade deshalb ist seine Wirkungsgeschichte so interessant.
Denn aus der Frage, wer die Regeln des Denkens und Sprechens bestimmt, ist in späteren theoretischen und politischen Strömungen teilweise eine ganz andere Frage geworden: Welche Regeln des Denkens und Sprechens sollen künftig gelten?
Hier beginnt die Geschichte, die uns heute unmittelbar betrifft.
Was Foucault eigentlich wollte
Foucault war kein Philosoph, der ein geschlossenes System errichtete. Eher wäre er als Ausgräber oder Archäologe des Denkens zu bezeichnen. Er untersuchte historische Schichten und fragte, wie Vorstellungen entstanden sind, die uns heute selbstverständlich erscheinen.
Warum gilt jemand als verrückt und ein anderer als vernünftig? Wer entscheidet, was als normal gilt? Warum besitzt ein Arzt die Autorität, über den Gesundheitszustand eines Menschen zu urteilen? Und weshalb akzeptieren wir bestimmte Kategorien, als wären sie natürliche Tatsachen, obwohl sie historisch entstanden sind?
Besonders wichtig war dabei Foucaults Verständnis von Macht.
Macht, so seine Einsicht, wirkt nicht nur durch Gesetze und Verbote. Sie kann auch durch Beobachtung, Prüfung, Klassifikation und gesellschaftliche Erwartungen ausgeübt werden. In Überwachen und Strafen beschreibt er beispielsweise, wie moderne Institutionen Menschen beobachten und mit vorgegebenen Normen abgleichen.
Das Entscheidende daran ist, dass eine solche Macht nicht ständig sichtbar sein muss. Wer weiß, dass er beobachtet und beurteilt werden könnte, beginnt vermutlich, sich selbst zu kontrollieren. Die äußere Norm wird verinnerlicht.
Damit sind wir bei einem Gedanken, der für unsere Gegenwart von besonderer Bedeutung ist: Macht kann dort besonders wirksam sein, wo sie gar nicht mehr als Macht wahrgenommen wird.
Die Macht des Diskurses
Ein zweiter Begriff Foucaults ist für das Verständnis seiner Wirkungsgeschichte ebenfalls von entscheidender Bedeutung: der Diskurs.
Damit ist nicht einfach eine Diskussion gemeint. Foucault interessiert sich für die gesellschaftlichen Regeln, die bestimmen, was zu einer bestimmten Zeit überhaupt als vernünftig, wahr oder sagbar gilt.
Unsere Sprache besteht hauptsächlich aus Wörtern. Mit unseren Begriffen ordnen wir die Welt. Wir unterscheiden zwischen gesund und krank, normal und abweichend, vernünftig und unvernünftig. Solche Unterscheidungen haben Folgen, weil sie mit Institutionen, Experten und gesellschaftlichen Erwartungen verbunden sind.
Foucaults Verbindung von Macht und Wissen beruht gerade auf dieser Beobachtung: Wissen über Menschen ist nicht vollkommen unabhängig von den gesellschaftlichen Strukturen, in denen es entsteht und angewendet wird. Kategorien können Menschen zugleich beschreiben und in bestimmte Ordnungen einfügen.
Das ist eine anregende und durchaus produktive Perspektive. Aber sie enthält auch eine politische Versuchung.
Denn wenn Sprache nicht nur Wirklichkeit beschreibt, sondern an ihrer gesellschaftlichen Konstruktion beteiligt ist, dann liegt der Gedanke nahe, dass man gesellschaftliche Wirklichkeit verändern kann, indem man die Sprache verändert.
Und damit beginnt die eigentliche Wirkungsgeschichte.
Von Foucault zur Identitätspolitik
Foucault selbst war nicht der letzte Schritt dieser Entwicklung. Seine Gedanken wurden von späteren Theoretikern aufgenommen und weiterentwickelt. Besonders wichtig war Judith Butler, deren 1990 erschienenes Buch Gender Trouble zu einem Schlüsseltext der Queer Theory wurde. Butler griff Foucaults Überlegungen zu Macht, Subjektbildung und gesellschaftlichen Normen auf und übertrug sie auf Geschlecht und Identität.
Was ist Queer Theory? Für Leser, die mit dem akademischen Vokabular nicht vertraut sind, lässt sich der Grundgedanke relativ einfach beschreiben.
Die traditionelle Frage lautet:
Was ist ein Mann, was ist eine Frau?
Die neue Frage lautet seitdem:
Wie kommt es überhaupt dazu, dass eine Gesellschaft Menschen in diese Kategorien einteilt, welche Erwartungen verbindet sie damit und wie werden diese Kategorien immer wieder bestätigt?
Damit wird Geschlecht nicht mehr nur als persönliche oder biologische Tatsache betrachtet, sondern auch als gesellschaftliche Kategorie, deren Entstehung und Wirkung untersucht werden kann.
Das ist zunächst eine interessante philosophische Verschiebung. Problematisch wird sie dort, wo aus der Analyse gesellschaftlicher Kategorien eine politische Verpflichtung zur Veränderung dieser Kategorien entsteht – und insbesondere dann, wenn diese Veränderung über die Sprache erfolgen soll.
Denn wenn Sprache gesellschaftliche Wirklichkeit mit hervorbringt, wird die Frage nach dem „richtigen Wort“ plötzlich zu einer Frage von erheblicher politischer Bedeutung.
Wenn Sprache zur Gesinnungsfrage wird
Damit verändert sich die Funktion von Sprachkritik.
Zunächst lautet das Argument: Bestimmte Begriffe können Menschen herabsetzen oder gesellschaftliche Vorurteile fortschreiben. Deshalb sollten wir sensibler mit Sprache umgehen.
Das ist unproblematisch und gehört zum normalen gesellschaftlichen Wandel. Sprache hat sich immer verändert; Begriffe kommen und gehen, und selbstverständlich darf eine Gesellschaft darüber diskutieren, welche Bezeichnungen sie für angemessen hält.
Interessant wird es dort, wo die Verwendung eines bestimmten Wortes nicht mehr lediglich als unhöflich oder unpassend gilt, sondern als Hinweis auf eine moralisch problematische Haltung.
Dann geht es nicht mehr allein darum, was jemand sagt.
Es geht darum, was es über ihn aussagt, dass er es sagt.
Genau hier kann aus einer sprachlichen Konvention eine soziale Norm werden.
Ein Beispiel dafür sind institutionelle Leitfäden zur geschlechtergerechten Sprache. Behörden und Universitäten empfehlen unterschiedliche neutrale Formulierungen, mal mit Gender-Sternchen, mal mit Gender-Doppelpunkt, und bezeichnen diese Empfehlungen ausdrücklich als nicht verbindliche Orientierung.
Das ist noch kein Sprachverbot, und es wäre unsinnig, jede solche Empfehlung als Zensur zu bezeichnen. Aber die Existenz von Empfehlungen verweist auf eine größere gesellschaftliche Entwicklung: Sprache wird zunehmend als ein Bereich verstanden, in dem sich moralische und politische Zugehörigkeit ausdrückt.
Wer die erwartete Terminologie beherrscht, signalisiert Sensibilität und Zugehörigkeit. Wer sie nicht beherrscht oder sich bewusst gegen sie entscheidet, kann dagegen als unsensibel, diskriminierend oder rückständig wahrgenommen werden.
Die Sprache wird damit zur Gesinnungsprobe.
Von der Sprachregel zum Denkrahmen
Hier liegt die eigentliche Brisanz.
Denn wenn bestimmte Begriffe nicht mehr bloß als unhöflich, sondern als Ausdruck einer falschen Haltung gelten, verändert sich der Charakter der Debatte. Die Frage lautet dann nicht mehr nur, welche Beschreibung zutreffend ist. Zunehmend wird auch darüber entschieden, welche Beschreibung überhaupt verwendet werden darf, ohne eine moralische Grenzlinie zu überschreiten.
Das kann wiederum beeinflussen, welche Fragen überhaupt noch gestellt werden.
Ein Denkverbot muss schließlich nicht darin bestehen, dass irgendwo ein Gesetz steht: „Dieser Gedanke ist verboten.“ Viel subtiler ist eine Situation, in der bestimmte Fragen so stark moralisch aufgeladen werden, dass vernünftige Menschen sie lieber gar nicht erst stellen.
Man kennt das aus vielen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens. Nicht jede Äußerung, die einen Widerspruch hervorruft, ist deshalb unterdrückt. Nicht jede Empörung ist Zensur. Und niemand kann einen Anspruch darauf haben, von Kritik verschont zu bleiben.
Aber zwischen Widerspruch und sozialer Einschüchterung besteht dennoch ein Unterschied.
Wer weiß, dass eine bestimmte Frage den Verlust seines Ansehens, einen Konflikt am Arbeitsplatz oder einen öffentlichen Shitstorm auslösen könnte, wird sich möglicherweise überlegen, ob er sie überhaupt noch stellt.
Das ist keine staatliche Zensur.
Aber es kann trotzdem eine Einschränkung des intellektuellen Raumes sein.
Das Panoptikum im Kopf
Und hier erhält ausgerechnet Foucaults eigenes Bild des Panoptikums eine erstaunliche Aktualität.
Das Panoptikum war das Modell eines Gefängnisses, in dem die Gefangenen nie sicher wissen konnten, ob sie gerade beobachtet wurden. Gerade diese Möglichkeit genügte, um Selbstkontrolle hervorzurufen. Der Einzelne verhält sich so, als würde er ständig beobachtet, und übernimmt damit einen Teil der Kontrolle selbst.
Übertragen auf unsere Kommunikationsgesellschaft bedeutet das: Man muss Menschen nicht jedes Wort ausdrücklich verbieten, wenn sie gelernt haben, welche Worte besser nicht gesagt werden.
Man muss ihnen auch nicht jede Frage untersagen, wenn sie bereits wissen, welche Fragen als verdächtig gelten.
Die Kontrolle wird dann gewissermaßen vorweggenommen.
Der Einzelne fragt sich nicht mehr nur:
Ist das wahr?
Sondern:
Darf man das sagen?
Und vielleicht noch beunruhigender:
Was sagt es über mich aus, wenn ich das überhaupt denke oder frage?
Eine im Auftrag der Friedrich-Naumann-Stiftung durchgeführte dimap-Umfrage von Oktober 2025 ergab, dass 60 Prozent der Befragten angaben, inzwischen vorsichtiger zu sein, weil sie negative Reaktionen auf ihre Äußerungen befürchteten. Die Stiftung weist zugleich darauf hin, dass soziale Reaktionen nicht ohne Weiteres mit einer Einschränkung der Meinungsfreiheit gleichgesetzt werden können und berufliche oder juristische Konsequenzen wesentlich seltener genannt wurden.
Die Zahlen beweisen deshalb keine „woke Zensur“. Sie zeigen aber, dass die Sorge vor negativen sozialen Reaktionen das Kommunikationsverhalten vieler Menschen beeinflusst.
Und genau darin liegt die foucaultsche Pointe: Macht muss nicht immer befehlen. Manchmal genügt es, wenn sie Verhalten vorhersehbar macht.
Foucault auf den Kopf gestellt
Hier begegnen wir der eigentlichen Ironie.
Foucault wollte die verborgenen Mechanismen sichtbar machen, durch die gesellschaftliche Normen entstehen und Menschen diszipliniert werden. Seine Methode bestand darin, gerade jene Selbstverständlichkeiten in Frage zu stellen, die andere als gegeben hinnahmen.
Heute lässt sich dieselbe Methode auf jene anwenden, die sich auf sein geistiges Erbe berufen.
- Wer bestimmt, welche Sprache heute als angemessen gilt?
- Wer entscheidet, welche Begriffe als diskriminierend gelten?
- Wer legt fest, welche Kategorien gesellschaftlich anerkannt werden?
- Und wer bestimmt, welche Fragen bereits durch ihre Formulierung als illegitim erscheinen?
Das sind, wohlgemerkt, keine „rechten“ Fragen. Es sind Machtfragen – und damit geradezu klassische Foucault-Fragen.
Die Ironie besteht darin, dass aus der Kritik der alten Normen neue Normen entstehen können, die ihren eigenen normativen Charakter kaum noch wahrnehmen. Was einst als Befreiung von vorgeschriebenen Kategorien begann, kann selbst in eine Vorschrift darüber münden, welche Kategorien anerkannt werden müssen. Was als Kritik an der Macht des Diskurses begann, kann in eine Politik der Macht über den Diskurs übergehen.
Aus der Kritik des Diskurses wird eine Politik des Diskurses.
Aus der Kritik der Norm wird eine neue Norm.
Und aus dem Versuch, die unsichtbaren Regeln des Denkens sichtbar zu machen, kann ein neuer Eifer entstehen, solche Regeln selbst aufzustellen.
Die entscheidende Frage
Foucault wird hundert. Das ist ein guter Anlass, ihm etwas mehr Aufmerksamkeit zu schenken – aber vielleicht nicht unbedingt so, wie seine glühendsten Verehrer es sich wünschen.
Denn man kann Foucault gegen Foucault lesen.
Man kann seine Frage übernehmen: Wer besitzt die Macht, festzulegen, was normal ist?
Und sie anschließend auch an jene richten, die heute festlegen wollen, welche Sprache als normal, sensibel oder zulässig zu gelten hat.
Man kann seine Skepsis gegenüber scheinbar selbstverständlichen Wahrheiten übernehmen und sie auf die neuen Gewissheiten unserer Zeit anwenden.
Und man kann seine Analyse der Selbstdisziplinierung ernst nehmen, ohne dabei zu übersehen, dass auch eine Gesellschaft, die sich selbst für besonders aufgeklärt hält, ihre eigenen Formen des Konformitätsdrucks entwickeln kann.
Vielleicht besteht darin die angemessenste Würdigung Foucaults zu seinem hundertsten Geburtstag: nicht darin, ihn zum Dämon zu erklären, aber auch nicht darin, seine Begriffe als politische Offenbarung zu behandeln.
Sondern darin, seine eigene Methode konsequent weiterzuführen.
Wer bestimmt eigentlich, was gesagt werden darf – und warum?
Das ist eine foucaultsche Frage.
Hundert Jahre nach seiner Geburt muss es weiterhin erlaubt sein, Foucaults Denken bzw. seine Auswirkungen auf den gesellschaftlichen Diskurs erneut auf den Kopf zu stellen.
